Zuruck
2024-10-29/Raphael Kerschbaumer

Wieder friedlich schlafen

Wieder friedlich schlafen
24/7-Überwachung kritischer Anlagenbereiche: Bei Schilliger's CLT-Werk in Küssnacht/CH installierte AVIAN zehn Kameras, zum Beispiel an der Keilzinkungsmaschine … © Raphael Kerschbaumer

Durch intelligente Überwachung und Brandprävention

Das Thema Brandsicherheit ist für jedes Sägewerk und holzverarbeitende Unternehmen von zentraler Bedeutung. Für Betriebe entsteht daraus unweigerlich ein schwieriges Zusammenspiel aus Brandschutzmaßnahmen, den damit verbundenen hohen Kosten und schwierigen Versicherungsfragen. Das Schweizer Tech-Start-up AVIAN will frühzeitig eingreifen und mögliche Brände und Schäden verhindern – mit Erfolg: Die Schweizer Pilotkunden Blumer Lehmann und Schilliger Holz sind von der KI-Lösung überzeugt.
„Gemeinsam mit unseren Partnern haben wir erkannt, dass die Holzindustrie in puncto Brandschutz dringend eine 24/7-Überwachungslösung braucht, die es Unternehmen ermöglicht, zu reagieren, bevor ein potenzieller Brand ausbricht. Das liegt im großen Interesse der Betriebe, da sie damit wertvolle Argumente in Bezug auf Versicherungsschutz und -prämien liefern können", erklärt AVIAN-Mitgründer und CEO Thomas Längle gegenüber unserer Redaktion in Zürich, dem Hauptsitz des jungen Tech-Unternehmens. AVIAN wurde von den IT- und Robotikexperten Längle und seinem Partner und CTO Drew Hanover gegründet. Gemeinsam entwickelten sie ein Wärmebildkamerasystem, das einen von AVIAN patentierten KI-Algorithmus nutzt, um Temperaturschwankungen frühzeitig und zuverlässig zu erkennen. Diese Lösung hat enormes Potenzial: Sie kann neben der Früherkennung von Bränden auch Maschinenschäden verhindern, Wartungsarbeiten optimieren und sensible Versicherungsfragen erleichtern.

Schneller und einfacher Einstieg dank Plug-and-Play

Für die Installation der Wärmebildkameras benötigt der Kunde lediglich eine Internetverbindung. „Sobald die Kamera an einem strategischen Ort im Sägewerk oder in der Fabrik platziert und mit dem Internet verbunden ist, ist unsere Lösung innerhalb weniger Minuten live und beginnt sofort, wertvolle Daten zu sammeln", erklärt Längle.
AVIAN fertigt die Kameras, die mit einem Standard- und einem Infrarotobjektiv ausgestattet sind, in der Schweiz. Das größte Know-how der IT-Experten steckt jedoch im intelligenten Algorithmus hinter den Kameras. Dieser verarbeitet und analysiert jeden Kamerapixel in Echtzeit und sendet die Daten DSGVO-konform an einen in Europa gehosteten Cloud-Server. Diese Datenanalyse ist es auch, was AVIAN von herkömmlichen Wärmebildlösungen unterscheidet: Sobald die KI eine Abweichung vom Normalzustand erkennt oder ein Schwellenwert überschritten wird, alarmiert sie die verantwortlichen Entscheider des betroffenen Unternehmens, damit sie reagieren und der Ursache auf den Grund gehen können.
Das muss nicht immer eine potenzielle Brandquelle sein. Die KI erkennt auch Temperaturabweichungen vom Sollwert, wenn dieser noch weit unter dem eingestellten Schwellenwert liegt – also bevor ein Brand ausbrechen könnte. „Unser Algorithmus erkennt Abweichungen, weil er anhand der in der Vergangenheit gesammelten Daten den ‚Normalzustand' kennenlernt. Zum Beispiel können wir erkennen, wenn ein Förderband irgendwo schleift, weil die Reibung es an dieser Stelle leicht erwärmt. In diesem konkreten Fall wurde der Alarm bei 25 °C ausgelöst – also bei einer Temperatur weit unterhalb des Schwellenwerts. Ein Brand muss nicht unbedingt sofort ausbrechen, wenn man nicht eingreift, aber das Förderband kann ernsthaft beschädigt werden, was unnötig hohe Kosten verursachen kann", erklärt Längle und fügt hinzu: „Was unsere Lösung so besonders macht, ist, dass der Algorithmus und damit das gesamte System ständig lernt und intelligenter wird. Schwellenwerte und Abweichungen davon werden daher immer präziser und vor allem individueller."
… oder die Absauganlage. Das Sägewerk in Vogelsheim/FR ist mit 13 Kameras ausgestattet. Die übrigen Produktionsstätten sollen in Zukunft folgen, darunter das Sägewerk in Küssnacht im September © Raphael Kerschbaumer

Integration in bestehende Systeme

Schilliger Holz ist von Anfang an Partner von AVIAN und hat dem jungen Unternehmen vor einigen Jahren den entscheidenden Anstoß gegeben. „In der frühen Phase der Produktentwicklung haben wir eng mit Geschäftsführer Ernest Schilliger und seinem Team zusammengearbeitet und herausgefunden, worauf es bei der Brandfrüherkennung in einem Sägewerk oder einer Brettschichtholzfabrik wirklich ankommt", erzählt Längle.
„AVIAN hat eine Lösung für ein Problem entwickelt, das wahrscheinlich jeden in der Branche direkt betrifft. Für uns ist es eine großartige Partnerschaft, weil sie uns hilft, unsere Abläufe viel sicherer zu machen und den Überwachungsprozess zu verbessern", kommentiert Schilliger und ergänzt: „Man wird das Brandrisiko nie auf null senken können, aber man kann alles dafür tun, die Gefahr so weit wie möglich zu minimieren – und AVIAN macht das auf einfache und unkomplizierte Weise möglich."
„Das Thema Brandschutz ist für alle in der Branche von großer Bedeutung", sagt Ernest Schilliger, Geschäftsführer von Schilliger Holz (rechts) © Raphael Kerschbaumer
Auch Blumer Lehmann hat Ähnliches zu berichten. Seit Jahresbeginn sind vier AVIAN-Kameras im Sägewerk und in der Pelletanlage installiert. Sobald die neue Brettschichtholzfabrik am Firmenstandort in Gossau/CH fertiggestellt ist, werden voraussichtlich weitere Kameras folgen. Außerdem läuft seit mehreren Monaten ein Pilotprojekt, bei dem die Bilddaten der mehr als 40 bestehenden Anlage- und Maschinenkameras analysiert werden. Vor dem Einsatz von AVIAN wurden diese Kameras von den Mitarbeitern „nur" zur Prozessüberwachung genutzt. „In unserem Unternehmen ist es uns ein großes Anliegen, dass nichts Schlimmes passiert. AVIAN gibt uns eine neue Art von Sicherheit: Wir können unsere Mitarbeiter am Ende ihrer Schicht mit gutem Gewissen nach Hause schicken, weil wir wissen, dass die kritischen Bereiche unseres Unternehmens zuverlässig überwacht werden", erklärt Valentin Niedermann, Leiter Technik, IT und Sicherheit bei Blumer Lehmann.
„Wir sehen enormes Potenzial in dieser Lösung": Valentin Niedermann, Leiter Technik, IT und Sicherheit bei Blumer Lehmann, mit AVIAN-CEO Thomas Längle (von links). Im Hintergrund ist der Bau des neuen CLT- und Brettschichtholzwerks im Gange © Raphael Kerschbaumer

Versicherungen bereit zur Neuverhandlung

Das Thema Versicherung ist mehr als ein Nebeneffekt des Brandschutzes. AVIAN steht seit seiner Gründung im engen Kontakt mit großen Schweizer Versicherungsunternehmen. „Wir können stolz sagen, dass einige Versicherungsunternehmen unsere Lösung zur Brandprävention und Risikominimierung bereits akzeptieren. Die Gespräche in Deutschland und Österreich verlaufen ebenfalls sehr gut. Außerdem arbeiten wir daran, das VdS-Gütezeichen für unsere Systeme zu erhalten", sagt Längle. Im Hinblick auf die laufenden Verhandlungen möchte er noch nicht ins Detail gehen. Auch Schilliger sieht erste positive Ergebnisse: „In Frankreich wurde das System vollständig von unserem Versicherer anerkannt, und in der Schweiz sind die Menschen ebenfalls viel offener und empfänglicher für neue Verhandlungen."
Risiko minimieren: Eine einzige Kamera reicht aus, um die gesamte Pelletanlage einschließlich Pressen und Mühlen rund um die Uhr zu überwachen © Raphael Kerschbaumer